Prof. Henri Ménudier über die Attentate von Paris und deren Auswirkungen auf die deutsch-französischen Beziehungen

Am 11.02.15 hielt der Historiker und Politologe Prof. Henri Ménudier einen Vortrag zum Thema der dt.-fr. Aussöhnung und die aktuellen politischen Geschehnisse in Frankreich. Gerade zum Anlass der Radfernfahrt nach Limoges war das für die Teilnehmer eine interessante Erfahrung.

Ein Bericht von Sophie Stiehler.

UnbenanntProf. Ménudier behandelte in seinem Vortrag zwei große Themen. Zum einen war das die historische Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft nach Jahrhunderte langer Feindschaft.

Allein zwischen 1870 und 1945 gab es drei große deutsch-französische Kriege. Zuerst der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der für Frankreich den Verlust des Elsass und Lothringens bedeutete. Danach folgte der Erste Weltkrieg von 1914-18, auch „La Grande Guerre“ gennant. Von 1939 bis 45 kam dann auch noch der Zweite Weltkrieg und brachte ebenfalls viele Verluste auf beiden Seiten, dazu viele politische Veränderungen und grausame Massaker wie das von Oradour-sur-Glane, auf welches Prof. Ménudier besonders einging, da wir als Teilnehmer der Friedensfahrt den Schauplatz dort besichtigen werden.
In der relativ kurzen Periode von 75 Jahren kam es also zu drei großen Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich. Im Schnitt bedeutet das alle 25 Jahre ein Krieg. Jede Generation musste somit große Verluste ertragen und der Gedanke der deutsch-französischen Versöhnung schien weiter entfernt denn je.Doch nun herrscht seit 70 Jahren Frieden, was Prof. Ménudier nicht zuletzt auch dem Engagement einzelner Betroffener und Privatpersonen zuschreibt. Gerade diejenigen, die am meisten unter dem faschistischen Regime gelitten hatten, wendeten sich mit ausgestreckter Hand ihren „Feinden“ zu, um eine gemeinsame Lösung finden, damit es eben kein „zweites Oradour“ gebe. Als Beispiel nannte er die 1949 gegründete Städtepartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard. Den Anstoß dazu gab der Bürgermeister von Montbéliard, Lucien Tharradin, der selbst im KZ Buchenwald inhaftiert war. Er war somit einer der ersten Franzosen, die sich gleich nach Kriegsende für die deutsch-französische Verständigung einsetzten.

Auch die Jugend spiele eine wichtige Rolle für die zunehmende Annäherung der beiden Staaten. Ab 1960 wurden regelmäßig deutsch-französische Jugendtreffen veranstaltet, die eine Chance für die Jugendlichen bot, sich für die Demokratie einzusetzen und die „andere Seite“ kennen- und wertschätzen zu lernen. Als weitere wichtige Faktoren der Versöhnung nannte Prof. Ménudier die „Montanunion“ von 1950, die die Grundlage für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland schuf. Natürlich spielte der Élysee-Vertrag von 1963 eine zentrale Rolle. Der „Händedruck“ von Adenauer und de Gaule symbolisiere das, worauf die beiden Länder hinarbeiteten: Über eine Annäherung durch wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit sollte es zur deutsch-französischen Freundschaft kommen. Daraus entwickelte sich 1963 das Deutsch-Französische-Jugendwerk (DFJW), das bis heute über 8,3 Millionen Austauschmöglichkeiten unterstützt hat.

Im zweiten Teil seines Vortrages berichtete Prof. Ménudier sehr aufschlussreich über die Attentate von Paris vom 07. und 08. Januar und deren Folgen. Die drei Anschläge auf eine Polizistin, auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und auf einen jüdischen Lebensmittelladen forderten nicht nur insgesamt 20 Tote, sondern lösten auch eine Welle von Reaktionen bei den Franzosen aus. Sie starteten am 11. Januar den „Marche de la République“ als Antwort, denn viele fühlten sich in ihrer Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und in anderen Rechten der Demokratie eingeschränkt. Außerdem veröffentlichte die Redaktion, auf die das Attentat verübt worden war, eine historische Sonderausgabe, genannt „Ausgabe der Überlebenden“, von der 7 Mio. Exemplare gedruckt wurden. Problematisch dabei sei jedoch, dass die Titelseite ein im Islam verbotenes Abbild eines Propheten zeige, was einen eindeutigen Angriff auf die islamische Religion darstelle. An dieser Stelle appellierte Prof. Ménudier an unsere Toleranz für Religionen. Keine Religion solle derart in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden – die freie Entscheidung, welcher Konfession man angehört, läge nicht umsonst bei jedem Einzelnen. Gerade in dieser Hinsicht habe Frankreich noch viel nachzuholen, da durch die starke Trennung von Kirche und Staat nur Wenige sowohl über die eigene als auch über andere Religionen informiert seien, woraus sich schnell eine gewisse Intoleranz des „Unbekannten“ entwickelt. Um diesem Sachverhalt entgegen zu wirken, sollte es in Zukunft mehr Informationsveranstaltungen in Frankreich zum Thema Religion geben. Auf jeden Fall müsse ein klarer Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten gemacht werden. Zu weiteren kritischen und durch die Attentate verschärften Themen, mit denen sich der französische Staat in nächster Zukunft auseinandersetzen muss, zählte Prof. Ménudier das Versagen der Bildungs- und Erziehungspolitik. Wie konnte es passieren, dass sich drei relativ normale französische Schüler zu Terroristen entwickeln? Haben deren Schulen versagt? Oder liegt es am familiären Hintergrund? Aber wenn das stimmt, wie steht es dann mit Integration und Renovierung der Städte in Frankreich? Dies alles stellt die innere Sicherheit in Frage. Haben die Geheimdienste versagt, dass es zu den Attentaten kommen konnte? Und was soll die jüdische Bevölkerung von den Anschlägen halten? Werden noch mehr auswandern, weil sie wegen der Unsicherheit aus Frankreich weg wollen?           Prof. Ménudier beobachtete gerade wegen der kritischen Lage, in der sich die französische Regierung derzeit befindet eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich. Besonders positiv wurde in Frankreich die große Anteilnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgenommen, als sie sich mit geschlossenen Augen an die Schulter des französischen Präsidenten Hollande lehnte. Die Kraft solcher Bilder sei nicht groß genug einzuschätzen. Deutschland und Frankreich würden in Zukunft enger kooperien und gemeinsam Probleme, wie z. B. die Situation in der Ukraine, angehen wollen.

Nach dem Vortrag hatten die Zuhörer die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die auch reichlich genützt wurde.

Wir bedanken uns bei Prof. Ménudier für diesen interessanten Vortrag, der es uns ermöglicht, unsere anstehende Radtour nach Limoges vor einem anderen Hintergrund zu erleben.